Der Zug
Mai 7, 2012
Es rauscht in mir. In meinem Kopf. Genauer: in meinem rechten Ohr. Es klingt ein bisschen wie ein Zug. Waggon um Waggon zieht an mir vorbei. Der Zug nimmt kein Ende. Wo er wohl hinfährt? Wenn es still ist, klingt es wie Meeresrauschen. Klingt romantisch. Ist es aber nicht.
Du weißt, dass etwas nicht stimmt, wenn dir dein Körper in immer kürzeren Abständen zu verstehen gibt, dass es so nicht weitergeht.
Es geht darum achtsam mit sich umzugehen, sich genug Ruhe und Entspannung zu gönnen, sich mit Dingen auseinanderzusetzen statt sie zu verdrängen, sich zu vergeben, sich auf sich selbst einzulassen. Ich weiß das alles. Ich weiß, wie es geht. Ich habe es gelernt. In vielen Stunden und Wochen. Ich habe gesprochen, ich weiß, wie fremd meine Stimme klingt, wenn ich von früher erzähle. Ich kenne Atemübungen und Entspannungstechniken. Ich weiß, wie ich eine Panikattacke bewältige. Ich weiß, wie ich mich schützen kann. Ich weiß, wer und wo ich bin. Ich weiß, dass es vorbei ist. Ich weiß, dass ich nicht schuld bin. Theoretisch. Ich habe all das gelernt.
Aber ich kann nicht lernen, weniger Angst zu haben. Ich kann nicht wissen, dass es besser wird, wenn ich etwas ändere. Es ist ein Wagnis. Und ein großes Grauen. Es ist Zittern und Bibbern. Es ist Schmerz und Tränen. Es ist Angst. Viel Angst. Das Leben gibt keine Garantien. Weder dir, noch mir.
Es rauscht in mir. Wiedermal. Güterzüge voller Bilder. Wieviele Waggons hat dieser Zug noch?
Loslassen.
April 7, 2012
Ich soll dich loslassen. Vielmehr: ich muss dich loslassen. Das fühlt sich schwer an. Schwer und noch schwerer und am schwersten. Schwerer als das, was ich schaffte und noch schwerer als das, was ich nicht schaffte.
Aber was bedeutet dieses Loslassen überhaupt? Ist dieses Wort nicht nur eine leere Hülle für einen Vorgang, den man eigentlich Vergessen nennen müsste? Muss ich vergessen, um loszulassen? Bedeutet loslassen, die Bedeutung zu nehmen?
Du bedeutest mir etwas. Wie kann ich dich da vergessen? Muss ich dir also die Bedeutung nehmen, um dich zu vergessen, um dich loszulassen? Wie kann ich das, wenn deine Bedeutung auf dir, deinem Handeln, deinen Worten, deiner Sprache, deiner Kompliziertheit, deiner Einfachheit, deinen Berührungen, deinen Hoffnungen, deinen Ängsten, deiner Klarheit, deiner Musik, deinen Büchern, deinem Lachen, deinem Verstehen, deinem Grün, deinem Ausdruck, deinem Duft, deinen Ansichten, deinem Schmerz, deinem Mut und deinem Vertrauen beruht? Wie kann ich das, wenn die Bedeutung, die ich dir gab, längst nicht mehr dieselbe ist, wie jetzt, weil sie -parallel zu meinem Vertrauen – gewachsen ist? Wie nehme ich dir dann die Bedeutung?
Ist es überhaupt möglich, wenn ich dir die Bedeutung nicht nehmen will?
Es ist schwer. Und es wird noch schwerer und am schwersten.
verletzungen
April 7, 2012
verletzungen
bei dir, bei mir
immer mehr, immer weniger
wir
abstand
immer mehr, immer weniger
nähe
deine hand, meine hand
keine konstante
alles im fluss
so
verlieren
wir.
Über die Schwierigkeit ein guter Mensch zu sein.
März 27, 2012
Seitdem ich das Gefühl habe, viel wieder gut machen zu müssen, versuche ich anderen Menschen fair und respektvoll zu begegnen. Dieser Vorsatz (vielleicht ist es eher ein Lebensgefühl, das daraus entsteht) hat nichts damit zu tun in irgendeiner Art und Weise ein ‘Gutmensch’ zu sein. Andere Menschen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte, hat viel mehr damit zu tun, wie und was man in seinem Leben und dem Leben anderen sehen möchte, wie und ob man sich traut, sich Fremdem zu stellen, ob man sich den eigenen Ängsten und den Ängsten der anderen stellen will, aber auch der Freude. Ob man bereit ist Vorurteile abzulegen, ob man die eigenen Gleichgültigkeit im Bezug auf andere ablegen möchte. Ob man genug Mut hat, sich in den anderen hineinzuversetzen und ihn verstehen zu wollen. Es scheint mehr mit einem selbst zu tun zu haben als mit den anderen Menschen. Es beginnt irgendwo in mir.
Irgendwie scheint es ein Wunschtraum zu sein, jemals andere so behandeln zu können, wie sie es verdient haben, wie es jeder Mensch verdient hat. Aber nur, weil es unmöglich scheint, sollte ich es nicht trotzdem versuchen?
Es erschüttert mich, wie oft ich dabei doch an meine Grenzen stoße. Es lässt mich ein kleines bisschen an mir verzweifeln. Wie leicht mir doch alleine beim Ansehen anderer Vorurteile durch den Kopf schießen, wie oft ich urteile ohne zu kennen und zu wissen. Wie oft ich eifersüchtig und neidisch bin, wie oft ich jemand anderem etwas missgönne, wie oft ich ungerecht bin. Macht mich das zu einem schlechten Mensch? Oder soll es einfach so sein? Ist die Welt so gedacht? Funktioniert sie nur so? Ist eine Welt ohne Ungerechtigkeit, Leid, Unverständnis, Gleichgültigkeit, Wut und Misstrauen gar nicht vorstellbar?
In so einer Welt möchte ich nicht leben. Vielleicht bin ich noch nicht genug an der Realität gescheitert, vielleicht habe ich noch zu viel Hoffnung, vielleicht renne ich deshalb weiter gegen Wände, vielleicht versuche ich deshalb zu reflektieren, vielleicht bin ich zu idealistisch, weil ich mir eine andere Welt vorstellen kann. Vielleicht keine gute, keine perfekte, keine völlig ausgeglichene Welt, aber vielleicht eine Welt, in der man sich mit Respekt behandelt, in der man aufeinander schaut, in der man Achtung voreinander hat, eine Welt, in der es nicht immer nur um Profit und mehr und mehr und mehr geht, eine Welt mit Werten, die ich vertreten kann, eine Welt, in der ich den Menschen auf Augenhöhe begegnen kann, eine Welt, in der ich vielleicht irgendwann meine Kinder großziehen möchte.
Vielleicht bin ich aber auch nur eine Träumerin.
Manchmal reichen zwei Stunden.
März 13, 2012
Du schlägst gegen Wände, bist laut und klar, eindeutig in dem, was du tust, willst Mauern damit einreißen. Und bleibst. Bleibst und wartest.
Ich kotze dir Worte vor die Füße, die niemand hören will. Du hörst. Wo alle immer gegangen sind, bleibst du. Weil du verstehen willst. Ich hasse mich für das, was ich dir zumute. Und kämpfe gegen mich. Bis ich verstehe, dass der Boden hält. Dass du und ich bleiben. Dass ich bleibe.
Bleibst und wartest. Bis ich weiß, dass ich manche Mauern bei dir nicht brauche. Und ich springe.
Zum Schluß fallen lautlos Steine. Von Herzen.